CVJM forever young

cvjm08 von Hildegard vom Baur (Generalsekretärin des CVJM-Westbundes)

Forever young: Warum dieses Thema? Weil das Jungsein im Namen steht: christlicher Verein junger Menschen, also gehört das Jungsein wohl zu uns? Nur: wir sind schon ganz schön alt, wenigstens 140 Jahre. Wir sind in die Jahre gekommen, haben Falten angesetzt, na und?

Wer in die Jahre kommt, schaut zurück, dankbar, beschämt, verwundert (was, schon so alt?) und das Alter klebt dann an uns. Es ist ja das Problem vieler Verbände, sie alle sind in die Jahre gekommen. Wir koppeln uns gerne ab von der Geschichte, allenfalls wird sie beschworen, wenn wir ein Jubiläum feiern, da werden noch mal die alten Geschichten und Geschichtchen aus der Mottenkiste des Vergessens geholt und dann schnell wieder gut verschlossen bis zum nächsten Mal, na sagen wir in 25 Jahren. Die alten Geschichten feiern bei diesen Gelegenheiten fröhliche Auferstehung: weißt du noch damals, aber was tragen sie für heute aus? Wie geht das: alt sein und doch das jung im Namen, im Programm? Mit unserem Alter leben wir gegen den Trend. Der Trend lautet: jung, dynamisch, faltenlos, makellos, der Erde verhaftet, den Himmel, ja, den heben wir uns dann für später (aber wann ist später?) auf. Interessant ist allerdings die Tatsache, dass wir über „dem ganzen Jungsein wollen“, die Jungen vergessen. Schlagzeilen machte die Verlegung der Sesamstraße. Deshalb ist es gut, dass der Untertitel zum Thema „forever young“ lautet: was zeichnet einen CVJM aus? Darum geht es.

1. Ein zukunftsfähiger CVJM lebt und arbeitet im Wissen um seine „alte“ Geschichte, nutzt dieses Wissen für die Bewältigung seiner Gegenwart und für die Schritte in die Zukunft.

Die Blickrichtung ist entscheidend – „lernen aus der Geschichte“ Es heißt, den Blick weiten! Da gibt es die Vereinsgeschichte: wie hat es angefangen, was waren Themen, Schwerpunkte, wie hat der Verein sich in Krisenzeiten bewährt, wie war das Verhältnis der Generationen, welche Herausforderungen von außen und innen waren zu meistern, wo gab es Scheitern. Aber CVJM ist mehr als Vereinsgeschichte, wir sind eingebunden in den Westbund, den deutschen CVJM, die weltweite Gemeinschaft. Da gab es Themen des Bundeswartes, die mussten bearbeitet werden, Begegnungen mit anderen Kulturen, die mussten verarbeitet werden. Da ist der Verein nicht in seiner Ecke hocken geblieben.

Da erzählen heute noch die Alten, wie sie Johannes Busch erlebt haben – Vorbilder haben ganze Generationen geprägt. Es gab Vorbilder im Verein, die mit der ganzen Hingabe, dem weiten Herz, dem offenen Geldbeutel, dem mutigen Bekennen, aber es gab eben auch das andere das Scheitern, das Schweigen, das Kleinkarierte. Erzählt die Alten das den Jungen, damit sie daraus lernen. Für die Zukunft lerne ich nicht aus glorifizierten Anekdoten, sondern aus dem ehrlichen Nachdenken über die Vergangenheit. Und das ist wichtig für heute und morgen. Geschichte, aus der Geschichte lernen, das heißt auch immer: da hat uns einer durchgetragen!

Und was ist, wenn es nur noch ein paar alte Bläser gibt, die sich Woche für Woche treffen. Gott sei dank, dass es sie gibt und dann sollen sie blasen zur Ehre Gottes und beten, feste beten, dass etwas Neues entsteht und dann dem nicht im Wege stehen.

2. Ein zukunftsfähiger CVJM will und fördert das ehrenamtliche Engagement junger Christinnen und Christen für junge Menschen.

Wollt ihr? Wollen wir? Das macht Arbeit, junge Christinnen und Christen zu schulen, an die Hand zu nehmen, zu begleiten, mit ihnen die Gaben und Begabungen entdecken. Sie nicht zu über-, aber auch nicht zu unterfordern, ihnen etwas zuzutrauen, in den Hintergrund zu treten, sie nicht festzulegen darauf, wie es immer schon war. Es erfordert den Mut, meinen Mut, zurückzuschauen auf meine eigenen ersten Schritte, mich meiner Wünsche an die Verantwortlichen zu erinnern.

Wir brauchen junge Christinnen und Christen, um an junge Menschen heran zu kommen, denn die sprechen deren Sprache, kennen die Ängste und Sehnsüchte. Die Jugendstudien haben herausgefunden, dass sich junge Menschen gewinnen lassen für ein Engagement, nur: sie haben manchmal ihre eigenen Vorstellungen, eigenwillig, oft überschwänglich, kurzfristig – da ist unser Räderwerk manches Mal zu langsam, muss bestimmte Stationen erst durchlaufen. Da ist die Begeisterung schnell zu Ende.

In der Pariser Basis heißt es: junge Menschen zusammenführen, die anderen jungen Menschen das Evangelium bringen.

Das ist hochaktuell, denn die Jugendstudien sagen: junge Menschen sind am liebsten mit anderen zusammen und sie wollen etwas für ihresgleichen tun. Aber dazu brauchen sie ein Mitspracherecht in den Gremien. Sich engagieren heißt auch, bei Entscheidungen für die Arbeit der nächsten Jahre mitdenken und mitplanen.

In manchen CVJM sitzen in den Vorständen die Vertreter aus den Kreisen, ein Modell zum Weiterdenken, denn hier Vorstand und dort Mitarbeiterkreis als zwei getrennte Gremien? Es erscheint mir sinnvoll die Beziehungen zu den jungen Mitarbeitenden und den Gremien, die Strukturen, den Zeitaufwand zu durchleuchten. Und wenn die jungen nur ein paar Jahre da sind: der Aufwand lohnt.

3. Ein zukunftsfähiger CVJM hat ein Ohr für die Trends dieser Zeit und spricht das Evangelium von Jesus Christus in diese Zeit hinein.

Wir sind Menschen unserer Zeit, bewusst, häufig auch unbewusst übernehmen wir Stile, Moden, Einstellungen. Wir gehen mit der Zeit und ganz stark tun das die jungen Menschen, wollen sie mithalten. Auch wir als Christen, die wir ja oft sagen: nicht von dieser Welt, leben mittendrin, müssen uns damit auseinandersetzen, uns immer neu fragen, wo mache ich mit, wie lebe ich christusgemäß? Christus selbst war ganz nahe bei den Menschen, Paulus sagt: ich bin allen alles geworden. Er verwendet Bilder, die ihm eigentlich als Juden zutiefst unsympathisch sind, so wie das Sportbild im Philipperbrief: ich jage ihm aber nach, um den Siegeskranz zu erringen. Das ist römisches Gedankengut, aber Paulus benutzt es, um die Gemeinde zu prägen.

Der CVJM-Westbund ist aufgefordert im Rahmen seiner Bildungsarbeit den CVJM Material zur Verfügung zu stellen zu den Trends dieser Zeit, zu Jugendkulturen, zu politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen. In unseren CVJM haben wir kompetente Menschen, die in ihren Berufen sich mit vielen Themen auseinandersetzen müssen. Sie müssen wir befragen, ihre Sichtweise immer wieder abrufen. In Amerika gibt es die Einrichtung, sich zu einem Thema einige kompetente Leute zusammenzurufen, gemeinsam zu essen und zu diskutieren, also keine jahrelangen Ausschüsse und Gremien, sondern zu aktuellen Fragen ein Diskussionsabend, von dem alle profitieren und in je ihrem Bereich kann daran weiter gearbeitet werden.

Wenn wir jungen Menschen das Evangelium bringen wollen, dann müssen wir uns wirklich auf sie einlassen. Womöglich können wir nicht alle erreichen, müssen uns spezialisieren, aber eins können wir mit Sicherheit sagen: es gibt eine Sehnsucht nach dem Evangelium.

Jesus hat die Menschen mit Geschichten erreicht, wir gewinnen sie womöglich auch mit Slogans, wie „wohnst du noch oder lebst du schon?“

Es geht um die beste Nachricht der Welt und die ist es wert, auf die beste Weise an den Mann und an die Frau gebracht zu werden. Trends ändern sich, wir müssen dran bleiben und uns die Mühe machen das Evangelium immer neu zu buchstabieren.

4. Ein zukunftsfähiger CVJM hat ein Herz für die Nöte junger Menschen und begegnet diesen mit den zur Verfügung stehenden mitteln und Möglichkeiten.

Wenn wir eins aus der Geschichte des CVJM lernen können, dann die Tatsache, dass der CVJM von seinen Anfängen her die Notlagen junger Menschen sehr deutlich wahrgenommen hat und darauf reagiert hat. Diese Nöte sind nicht weniger geworden, aber wohl in einigen Punkten anders. Es gibt unzählige junger Leute, die durch das Raster fallen: ungewollt, ungeliebt, ängstlich oder aggressiv, benachteiligt, behindert, niedergetrampelt. Das ist eine ungeheure Herausforderung und wir werden stärker als zuvor gefragt von Pfarrern, Lehrern, mitzuhelfen, dieser Not zu begegnen. Was ist der kleine, aber anspruchsvolle Auftrag eures CVJM?

5. Ein zukunftsfähiger CVJM fordert junge Menschen heraus, sich selbst und diese Welt zu entdecken und zu gestalten.

Persönlichkeitsförderung steht hinter diesem Satz. Junge Menschen sind auf der Suche nach ihrer Persönlichkeit. Sie wollen sich selbst entdecken, annehmen mit Gaben und Grenzen, den Horizont erweitern, andere in den Blick nehmen, die Welt entdecken und handelndes Subjekt werden. Wie geschieht das? Und was kann der CVJM dazu beitragen? In diesem Sommer ist die neue Denkschrift der EKD zum Thema Bildung erschienen, ein ausgesprochen spannendes und lesenswertes Büchlein. Persönlichkeit zu entwickeln ist ein mühseliges Geschäft in einer Welt, die mich auf mich selbst zurückwirft, die Ungeheures von mir verlangt, nämlich meine Freiheit zu leben, ohne dass mir zuvor ein Rahmen angeboten wird, ein Raum, den ich dann entdecken darf, weine Freiheit, die mich auch nicht unterstützt in meinen Zukunftsplänen, weil alles, was ich heute entscheide, morgen falsch sein kann. Ich glaube, da sind wir wichtig, mit unseren Räumen, den Menschen, dem Herrn, der Geborgenheit schenkt.

Beziehungsarbeit nennen wir das und wir können sehr mutig sagen, das gibt es bei uns: auf Freizeiten, in den Gruppenstunden, bei Projekten und Aktionen können sich junge Leute ausprobieren, erhalten sie gute Rückmeldung, können sich reiben. Etwas ausprobieren, dranbleiben, üben, einüben, am Ende etwas geschafft, nicht vorschnell aufgegeben, weil mich einer immer neu motiviert. Junge Menschen sind begeisterungsfähig, wenn wir selber begeistert sind! Ich bin für Gruppenarbeit, aber ich sehe, wie die anderen Formen daneben so wichtig sind, der breite Trichter der offenen Arbeit, Einstiegsschwelle ganz niedrig, die Projekte kurz und überschaubar.

Wo sind die Mentorinnen und Mentoren, die sich der jungen Christinnen und Christen annehmen und helfen auf einem Stückchen Weg?

Wir haben ein ungeheures Potential und können gelassen gegenüber den gesellschaftlichen Vertretern auftreten, müssen uns nicht verstecken, aber das, was wir tun, immer neu überdenken.

6. Ein zukunftsfähiger CVJM zeichnet sich aus durch ein klares Profil, das auf verschiedenen Ebenen immer neu durchdacht und in der jeweiligen Situation verantwortet wird.

In der Zeitschrift Focus war im Sommer ein Interview mit dem ehemaligen Minister Hans Apel. Ein engagierter Christ, der aus der Kirche ausgetreten ist und eine neue Heimat in einer Freikirche gefunden hat. Das hat mich nicht so sehr beeindruckt als vielmehr seine ausgesprochen harte Haltung zu der Profillosigkeit im Bereich seiner Landeskirche, dieses es immer allen recht machen zu wollen und dabei das Wesentliche zu verlieren.

Ein klares Profil ist nicht etwas, was man hat, sondern das immer wieder erbeten, errungen werden muss im Nachdenken über die Bibel, im Gespräch mit Brüdern und Schwestern. Das fängt im Verein an und geht darüber hinaus in den Kreisverband und den Westbund. Wer sind wir? Wie wollen wir gesehen werden? Wie sehen uns andere? In Gießen ist eine Umfrage gestartet worden zum Thema: Was fällt ihnen ein, wenn sie CVJM hören? Es war so erschreckend: von „Verein junger Männer“ über „da gab’s mal so ein Lied“ bis „die machen so Freizeiten“ und „kenn ich nicht, nie gehört“ etc.

Das klare Profil formulieren ist eins, es leben, erkennbar sein das andere. Wir haben ein Fundament, aber sind keine Fundamentalisten. Unser Fundament ist das Evangelium, die freimachende Nachricht nicht ein Gesetz. Atmen Menschen bei uns diese Luft der evangelischen Freiheit oder kriegen sie Atemnot angesichts von Verboten, Gesetzen und Gesetzchen, veralteter Vereinsregeln? Ist das Fundament klar?

Als der Westbund sich jetzt dran setzte, ein Leitbild zu formulieren, sagten manche: wir haben doch die Pariser Basis. Stimmt, aber genau das ist das Problem: wir haben diese Basis nicht wie einen Besitz, sondern müssen immer neu in unsere Situation diese alten Sätze hineinbuchstabieren, sonst hängen sie an der Wand oder belasten uns wie ein schwerer Sack, aber dienen uns nicht.

7. Ein zukunftsfähiger CVJM engagiert sich in Kirche und Gesellschaft vornehmlich für die Belange von Kindern und Jugendlichen.

Unsere Gesellschaft und unsere Kirchen müssen für alle da sein und wir erleben zur Zeit, welch ein Spagat das ist, wie viele Herausforderungen da auf die Institutionen zu kommen. Wir sind einseitig, das ist unsere Chance. Wir konzentrieren uns und schreien laut für diese Gruppe. Und es ist, wie uns ja zurzeit auch immer wieder gesagt wird, eine schwierige Gruppe, die zwischen 6 und 30 Jahren. Wir wollen zwar forever young sein, aber stöhnen: was die kosten! Kein Benimm! Anstrengend! Laut! Objekte für Erzieher, für Medien, für die Wirtschaft, benutzt für Rentendiskussionen u.ä. Überall stehen sie im Weg, im Bus, im Kaufhaus. Wir müssen dafür sorgen, dass sie schnell aus dem gröbsten raus sind, etwas leisten, sich als willige Mitglieder dieser Gesellschaft erweisen. Es gibt keine Kindheit mehr – ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass wir uns wieder dem Jahrhundert annähern, wo die Kinder die gleiche Kleidung trugen wie die Eltern, nur ein paar Nummern kleiner, Strampelanzüge out, dafür winzlige Turnschuhe und Jeans.

Was wir vorfinden: die überbehüteten, bewegungsarmen, weil ihnen nichts zugetraut wird; die verwahrlosten, die mit 12 Jahren Kettenraucher sind und sich körperlich nicht mehr entwickeln; denen professionell Manieren beigebracht werden müssen, weil die Eltern selber keine mehr haben. Die mit den gestylten Klamotten, die nicht mehr auf Bäume klettern dürfen, dafür aber pädagogisierte Erlebnisprogramme erleben. Und in unseren Kirchen, manches Mal habe ich den Eindruck, solange noch ein paar ältere Damen und Herren den Gottesdienst besuchen, ist die Welt der Gemeinde noch in Ordnung?

Deshalb ist der CVJM wichtig, notwendig, weil wir die Kinder und Jugendlichen lieb haben und deshalb unsere Stimme für die Kinder und Jugendlichen erheben. Und wir haben da das know how, wir können ganz mutig sein.

8. Ein zukunftsfähiger CVJM steht in kritischer Solidarität zu Kirche und Gemeinschaften und betont zugleich seinen ökumenischen Charakter und seine Internationalität.

Wir sagen in, mit, aber nicht unter der Kirche; wir führen gute Gespräche mit den Gemeinschaften, wir arbeiten mit anderen Verbänden zusammen; viele CVJM teilen sich ein Haus mit Kirche oder Gemeinschaft.

Wir verkündigen den einen gekreuzigten und auferstandenen Herrn und wir leiden unter manch Trennendem.

Wir sind solidarisch, aber nicht unkritisch, wir sind wachsam um der jungen Menschen willen, wachsam um des Evangeliums willen. Kritische Solidarität heißt denken, mitdenken, weiterdenken, uns einbringen in den Gremien: z.B. im Presbyterium CVJM geht nicht in der Gemeinde auf, dann braucht es ihn nicht mehr, aber CVJM schottet sich auch nicht von der Gemeinde ab, denn wir haben einen Schwerpunkt, der für die Gemeinde unerlässlich ist.

Wir betonen im CVJM die offene Mitgliedschaft und in Zeiten des Verschwindens eines Wissens über das, was eine Kirche ausmacht, müssen wir neu denken, was es heißt, offen zu sein für alle jungen Menschen? Allen das Evangelium zu verkünden? Machet zu Jüngern alle Völker, nicht nur die evangelischen im Dorf. Wir haben einen weiten Horizont, wir lassen uns inspirieren von den Schwestern und Brüdern aus ganz anderen Teilen dieser Welt, wir setzen uns auseinander mit Fremden und dem Fremden, das ist mühsam, aber notwendig, denn weniger gibt es nicht im Reich Gottes.