Fünf Dimensionen des Auftrags

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von Ulrich Parzany,
1984 – 2005 Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbandes

Bei aller Verschiedenheit sind die folgenden fünf Dimensionen kennzeichnend für alle CVJM-Arbeit, die ihrem Auftrag treu bleibt.

1. Missionarische Ausrichtung

Wir wollen im CVJM dem Missionsauftrag Jesu folgen. Mission umfasst für uns die ganze Sendung der Jünger durch Jesus (Joh. 20,21). Gebet und Gemeinschaft, Verkündigung und Diakonie gehören zusammen. Verkündigung richtet sich an Christen und an solche Menschen, die Jesus noch nicht vertrauen und folgen. Das letztere nennen wir Evangelisation. Die Spitze unseres Dienstes ist, dass wir Jugendliche und junge Erwachsene zur Umkehr in die Nachfolge Jesu einladen.

2. Ganzheitliche Programme

Weil Gott den ganzen Menschen liebt, soll die Arbeit im CVJM dem Menschen in all seinen Lebensbeziehungen betreffen: In seiner Beziehung zu Gott, zu sich selbst, zu seinem Körper, zu seinem Denken und Fühlen, zu anderen Menschen, zur Schöpfung insgesamt. Sport, Musik, Bildung, gesellschaftliche Verantwortung, Berufsleben, Schöpfungsverantwortung, weltweiter Dienst, Freizeitgestaltung, internationale Begegnungen sollen in einer Arbeit mit deutlicher missionarischer Ausrichtung mit im Blick sein. Dabei sind wir uns bewusst, dass nicht überall gleichzeitig alle Aspekte gleichwichtig berücksichtigt werden können. Das CVJM-Dreieck erinnert uns an den ganzheitlichen Dienst, zu dem uns Jesus berufen hat.

3. Ehrenamtliche Verantwortung

Wir fühlen uns im CVJM besonders dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen als einem biblischen Grundsatz, der in der Reformation neu ins Blickfeld der Christen gerückt wurde, verpflichtet. Gerade in der volkskirchlichen Tradition, die das Pfarramt ins Zentrum des Dienstes der Kirche gerückt hat, wollen wir im CVJM Gelegenheit schaffen, dass sogenannte „Laien“ oder „Ehrenamtliche“ in verbindlicher Weise Verantwortung übernehmen. Alle Christen sind durch den heiligen Geist mit Gaben zum Dienst ausgestattet. Solche Gaben sind nicht im Pfarramt monopolisiert. Die Vereinsform ist uns wichtig weil in ihr Leitungsverantwortung, Verkündigung, Seelsorge, Diakonie in verbindlichen Diensten wahrgenommen werden kann.

Gerade weil wir unseren Platz in den Landeskirchen sehen, wie sie in unserem Bereich geschichtlich geworden sind, weil wir diese Kirchen nicht abschreiben, sondern als unsere ansehen, wollen wir ihnen durch die selbständige Vereinsarbeit dienen. Deshalb ist es völlig unsinnig, die Bildung von CVJM als Abkehr von der Kirche anzusehen. Im Gegenteil. Probleme gibt es immer nur, wenn jemand Kirche sagt, aber Pfarramt als alles bestimmendes Amt meint. Das entspricht nicht dem neutestamentlichen Bild von Kirche.

Interessanterweise hat es nach dem 2. Weltkrieg laute Stimmen gegeben, die die freien Werke als überholt bezeichneten, weil mit der Bekennenden Kirche im Dritten Reich ja die Kirche des Wortes Gestalt gewonnen habe. Damit seien Vereine als Dienstform jetzt überflüssig. Alles könne jetzt organisatorisch in die Kirchengemeinde integriert werden. Man sagte Kirche und meinte Pfarramt. Die Entwicklung der Volkskirche seit 1945 hat überaus deutlich bewiesen, wie dringend diese Kirchen den geistlichen Dienst freier Werke brauchen, um missionarisch lebendig zu werden oder zu bleiben. Die Liquidierung freier Werke mit scheinbar guten theologischen Gründen hat zu einer bedauerlichen Verarmung der Kirchen geführt.
Natürlich können freie Werke den Kirchen nur einen Dienst tun, wenn sie selber geistlich lebendig und ihrem Auftrag treu bleiben. Wenn sie sich selber dem Pluralismus der Volkskirche anpassen, verlieren sie ihre Existenzberechtigung und werden über lang oder kurz verschwinden.

4. Ökumenische Weite

Im CVJM können Menschen aus allen Konfessionen mitarbeiten, wenn sie nur im Bekenntnis zu Jesus Christus und seinem missionarischen Auftrag eins sind. Auch da, wo CVJM eng mit Kirchengemeinden verflochten sind, erinnern sie an die größere Gemeinschaft des Leibes Christi in den verschiedenen Denominationen. Das ist in den CVJM-Bewegungen weltweit oft deutlicher ausgeprägt als bei uns. Nur in den skandinavischen, den französisch-sprachigen afrikanischen und im deutschen CVJM ist die Bindung an die evangelischen Kirchen stark ausgeprägt. Nicht ohne Grund hat der CVJM international eine führende Rolle in der Zusammenführung der Christenheit gespielt.

5. Christliche Leiterschaft und offene Mitgliedschaft

In den in der Arbeitsgemeinschaft der CVJM Deutschlands zusammengefassten Großstadtvereine gibt es ausdrücklich die sogenannte »doppelte Mitgliedschaft«. Jeder kann Mitglied werden und an den Angeboten des CVJM teilnehmen, aber nur die sogenannten »Tätigen Mitglieder« wählen die Leitung und bestimmen die inhaltliche Ausrichtung der Arbeit. Für die „Tätigen Mitglieder“ ist die geistliche Orientierung an der Pariser Basis wichtig. Auch wo diese Struktur nicht organisatorisch festgelegt ist, prägt die doppelte Mitgliedschaft sinngemäß die CVJM-Arbeit. Die CVJM wollen in ihrem Dienst für möglichst viele junge Leute da sein. Die Weite und Intensität des Dienstes ist aber nur gewährleistet, wo es eine Mitarbeiterschaft gibt, die verbindlich in der Nachfolge Jesu lebt und Zeit, Kraft und Gaben in den Dienst an den Menschen investiert. Das ist die Dynamik echter CVJM-Arbeit. Geistliche Verbindlichkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und große Reichweite im Dienst.

Geschichtliche Linien

Der Name CVJM bestimmt unsere Arbeit im CVJM-Gesamtverband in den meisten Bereichen. Das war nicht immer so und ist auch heute nicht überall so.

Die Anfänge seit 1823 sind nicht mit dem Namen CVJM, sondern mit den sogenannten Jünglingsvereinen verbunden. Zunächst trugen nur die Großstadtvereine den Namen CVJM. 1883 entstand durch amerikanischen Einfluss der CVJM Berlin, 1919 die AG der CVJM Deutschlands. Die regionalen Bünde und der Reichsverband änderten erst lange nach dem 2. Weltkrieg ihren Namen in CVJM. Die Dachverbände nahmen damit auf, was sich an ihrer Basis nach dem 2. Weltkrieg entwickelte: immer mehr Vereine bezeichneten sich als CVJM. Das kam nicht von ungefähr und war auch nicht nur eine Mode. Die oben beschriebenen Elemente der CVJM-Arbeit erkannten sie als für sich wesentlich. Es war die Zeit einer neuen Vergewisserung, welchen Auftrag Gott freien Werken in den Landeskirchen gegeben hat.

Aus der geschichtlichen Entwicklung leitet sich ab, dass wir heute CVJM-Arbeit in sehr verschiedenen Strukturen haben. Die Vielfalt der Formen macht bewegliche Reaktionen auf die unterschiedlichen Herausforderungen am jeweiligen Ort möglich. CVJM in enger struktureller Verbindung mit Kirchengemeinden und Kirchenkreisen weitgehend unabhängige CVJM der AG. Eines der Mitglieder des CVJM-Gesamtverbandes ist das Evangelische Jugendwerk in Württemberg, das nicht den Namen CVJM tragt, in dein es aber den CVJM-Landesverband Württemberg als Gliederung gibt. Zum CVJM-Gesamtverband gehört auch das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD) mit seiner großen und bedeutsamen Jugendsozialarbeit.

Wenn wir im Auftrag, wie ihn die Pariser Basis vorgibt und wie Gott ihn uns in unserer Geschichte zugewiesen hat, einig und deutlich bleiben, ist die Vielfalt der Arbeitsweisen und Organisationsformen ein Reichtum, den wir zum Wohl und Heil junger Leute einsetzen können.

Das Wesen des CVJM kommt immer da am klarsten heraus, wo nicht hauptamtliche für junge Leute Jugendarbeit veranstalten, sondern wo junge Erwachsene – Ingenieure, Facharbeiter/innen, Kaufleute, Wissenschaftler/innen, Schüler und Studenten, Handwerker usw. – sich zusammentun, weil Jesus die Mitte ihres Lebens ist, um anderen die Liebe Gottes in Wort und Tat weiterzugeben. Hauptamtliche und Dachorganisationen haben unterstützende Aufgaben. »Nothing in the YMCA is real unless it is Iocal.« – Nichts ist im CVJM wirklich, es sei denn, es passiert vor Ort. Diesen Satz sagte ein CVJMer bei der Weltratstagung in Aruba 1988. Wir beten darum, dass wir im CVJM zu einer stärkeren Einheit zusammenwachsen, um an vielen Orten vielen Menschen ein Werkzeug der Herrschaft des Herrn Jesus Christus zu sein.